Lexikographische Schreibweisen als Spielformen literarischer Reflexion über Geschichte und Geschichtlichkeit

Résumé/Abstract

Ces dernières années ont été publiés de nombreux textes de nature variée – et notamment des textes fictionnels ou autobiographiques – prenant la forme d’un dictionnaire ou d’une encyclopédie. Ces parutions sont l’occasion d’interroger les motifs de l’écriture encyclopédique et les tendances dominantes dans les domaines de la littérature et de l’essai.
La tradition encyclopédique des Lumières a donné au dictionnaire ordonné alphabétiquement une série de fonctions et d’effets importants dont nous héritons aujourd’hui, comme par exemple la dé-hiérarchisation des objets et la pluralité des options de réception. Les dictionnaires littéraires stimulent avant tout la réflexion sur la langue, son utilisation et ses fonctions. Ils s’intéressent particulièrement aux marges du savoir ainsi qu’aux objets anachroniques, oubliés, disparus ou singuliers. Un autre savoir, un savoir volontairement in-actuel prend ainsi forme dans ces différents textes lexicographiques, expression d’une pensée excentrique et sensorium de la temporalité des choses.


1. ‘Geschichtetes’ Wissen : íœber Motive literarischer Lexikographik
Unter dem TitelDie deutsche Seeleveröffentlichten Thea Dorn und Richard Wagner im Jahr 2011 ein in 64 Abschnitte untergliedertes Buch über Deutschland[1]. Die Abschnitte stehen wie Lexikonartikel jeweils unter einem Lemma; ihre Anordnung ist alphabetisch. Die spezifischen Beziehungen der Lemmata zum Thema Deutschland sind unterschiedlich evident[2]. Das Buch lässt sich als Sachbuch, aber auch als literarischer Text lesen; die Verwendung des Ausdrucks ‘deutsche Seele’ im Titel deutet zumindest daraufhin, dass hier eine Sprache verwendet wird, welche nicht die nüchterner Abhandlungen ist. Charakterisieren Dorn und Wagner ihr Buch als das Resultat einer ‘Wanderschaft’ durch Deutschland am Leitfaden von BegriffenBegriffen, in denen uns das Deutsche am deutlichsten aufzublitzen scheint», 8), so lädt die alphabetische Artikelreihung den Leser ein, seinerseits weitere Streifzüge zu unternehmenKreuzund Querzüge durchs Buch. In Lexika kann und soll man herumblättern, eigene Routen suchen, eigene Verknüpfungen herstellen[3] ; unterläuft doch die alphabetische Ordnung die Suggestion eines in geordneter Folge und entsprechend hierarchisiert dargebotenen Wissens von vornherein[4]. Es geht den Autoren ihren eigenen Vorbemerkungen zufolge darum, das defizitäre Geschichtsbewusstsein der Deutschen zu stärken, d.h. hier insbesondere, über Deutschland unter dem Aspekt der Geschichtlichkeit jener Vorstellungskomplexe nachzudenken, die man mit diesem Stichwort assoziiertund damit mehr zu tun als konventionelle Lexika[5]. Mit diesem Anspruch verbindet sich die implizite íœberzeugung, dass die anti-chronologische Ordnung des Alphabets keineswegs zu ahistorischem Denken verleitet.
Lexikographisch aufbereitetes Wissen ist (wie Die deutsche Seele exemplarisch illustriert) nicht nur geschichtliches, sondern auch ‘geschichtetes’ Wissen. Es setzt sich zusammen aus Informationen unterschiedlicher Provenienz, auch und gerade hinsichtlich ihres Alters und ihrer Aktualität. Tradiertes und neues, altmodisches und innovatorisches Wissen überlagern und durchdringen einander. Literarische Lexika stellen gerade solche íœberlagerungen, die die Geschichtlichkeit des Wissens selbst sinnfällig machen, oft in besonderer Weise heraus – etwa indem sie (vermeintlich oder tatsächlich) Anachronistisches gleichrangig neben solche Informationen, die als aktuell gelten, stellen. Komische und befremdliche Effekte können dabei zudem auf die Relativität solcher Kategorisierungen aufmerksam machen. An dieser Stelle erscheint zunächst eine Arbeitsdefinition sinnvoll : Obwohl literarische Lexikographik sich nicht trennscharf gegen andere Formen lexikographischer Darstellung abgrenzen lässt – das ist gerade eine der Pointen dieses Formats – soll von ihr dann spezifizierend die Rede sein, wenn das Format alphabetisch gereihter Artikel in einer Weise verwendet wird, die zitathaft und konstruiert wirkt und insofern auf sich selbst aufmerksam macht. Dies kann etwa dadurch geschehen, dass mit der Lexikonform gespielt wird (inhaltlich wie auch auf der Ebene von Layout und Buchgestaltung), oder auch dadurch, dass die Verwendung dieser Form angesichts der gewählten Themen und Gegenstände überrascht (beispielsweise, wenn eine ‘Seele’ alphabetisch analysiert wird), schlieíŸlich auch dadurch, dass die Gegenstände selbst ‘eigenartig’, als Wissensobjekte exzentrisch erscheinen. Die Entdeckung entsprechender Schreibweisen für die Literatur ist zwar nicht neu; vor allem satirische Wörterbücher haben eine lange Tradition. Aber die Intensität der rezenten literarisch-künstlerischen Nutzung von Darstellungsformen wie Wörterbuch, Konversationslexikon, Enzyklopädie, Speziallexikon und philosophischem ‘Dictionnaire’ ist doch auffällig[6].
2. Aufklärung, Enthierarchisierung, Individualisierung : íœber Funktionen literarischer Lexika
Es käme einer unzulässigen Vereinfachung gleich, die vielfältigen Erscheinungsformen lexikographischen Schreibens (über den erwähnten gemeinsamen Grundzug reflexiver Distanzierung gegenüber Inhalten und lexikographischer Form hinausgehend) auf einheitliche Motive zurückführen zu wollen. Nimmt man die Texte als Auseinandersetzung mit spezifischen kulturellen (wissenskulturellen, gesellschaftlichen, kulturhistorischen) Themen und Prozessen ernst, so erschlieíŸt sich ein facettenreiches Feld von Spezialinteressen. Hier können aber immerhin verbindende Tendenzen beobachtet werden.
2.1 Aufklärung
Voltaire versteht im Vorwort seines Dictionnaire philosophique portatif die asemantische Form des Alphabets als Ausdruck der Ablehnung dogmatischer Inhalte, insbesondere theologisch fundierter Ordnungs- und Sinnmuster. An diesen Leitgedanken des Projekts Aufklärung knüpfen, wenn auch unter divergenten Vorzeichen, im 20. Jahrhundert insbesondere diskurskritische Projekte an, die sich der alphabetisch-lexikographischen Form bedienen. Interesse verdient etwa das deutsch-französische Projekt eines Dictionnaire critique, der in Zusammenarbeit von Georges Bataille, Carl Einstein, Marcel Griaule, Michel Leiris und anderen entstand und in einer Folge von Nummern der Zeitschrift « Documents : Doctrines, Archéologie, Beaux-Arts, Ethnographie » in den Jahren 1929 und 1930 erschien[7]. Rainer Maria Kiesow, Herausgeber einer deutschen íœbersetzung des Dictionnaire critique, hat selbst ein diskurskritisches Alphabet des Rechts publiziert, das sich ebenfalls als Beitrag zu einem Gegendiskurs versteht[8]. Die Institution der Enzyklopädie wird hier eher kritisch gesehen – als Vehikel der Steuerung des Einzelnen durch Diskurse, der Akkumulation von Wissen – wobei dieses Wissen zudem in einer zunehmend dynamischeren Welt immer schneller veraltet. – Die ent-hierarchisierende Grundstruktur lexikographischer Texte und ihre Affinität zum Projekt Aufklärung hebt Andreas Urs Sommer in seinem eigenen ‘Dictionnaire’ hervor[9]. Dieser enthält Reflexionen des Autors zu unterschiedlichen Stichworten, die ihn als Philosophen beschäftigen und als autobiographisches Ich interessieren, die mit persönlichen Erfahrungen und Vorlieben, mit wissenschaftlichen und politischen Themen auf eine Weise verknüpft sind, die persönlich, zugleich aber sachbezogen wirkt. Unter dem Lemma « Kompositionsprinzip » heiíŸt es in Die Kunst, selbst zu denken :
Ernst Cassirer bemerkt, daíŸ Pierre Bayle in seinem Dictionnaire historique et critique das seinem Denkstil kongenialste Medium gefunden habe. ‘Denn das Wörterbuch läíŸt, entgegen dem Geist der íœber- und Unterordnung, der die rationalen Systeme beherrscht, den Geist der bloíŸen Neben-Ordnung am reinsten hervortreten.’ Solche Nebenordnung ist markzersetzend. (→ Dictionnaire, philosophischer). (141 sq.)
Sommers ‘philosophischer Dictionnaire’ schlieíŸt explizit an das aufklärerische Konzept des philosophischen Wörterbuchs an. Themen, Gegenstände und Einfälle, die dem Verfasser wichtig sind, werden in Form einer alphabetischen Artikelsequenz vorgestellt. Die Form des Dictionnaire wird als vielstimmig und insofern potenziell dialogisch gewürdigt. Aufklärung, so signalisieren diverse Artikel, beginnt notwendig mit der Aufklärung über sich selbst – mit Selbstkritik[10]. Programmatisch ist insofern die Selbstbezüglichkeit des Dictionnaire, der u.a. Artikel zu den Lemmata « Begriffe », « Dictionnaire », « Unvorhersehbarkeit » und « Versatzstücke » enthält – und zu « Beliebigkeit » :
Beliebigkeit. Das → Kompositionsprinzip des vorliegenden Buches, womit es sich als echt postmodern und also echt zeitgemäíŸ ausweist. Die Beliebigkeit macht diesen → Dictionnaire authentisch (→Authentizität). (42)
2.2 Sprachreflexion und Begriffskritik
Alphabetisches Schreiben basiert auf einer Privilegierung der Wörter, der Vokabeln und Namen gegenüber anderen Anhaltspunkten für die Anlage der Darstellung. Ausschlaggebend für die Positionierung im (relativen) Ganzen eines alphabetisch strukturierten Buchs, ist, wie etwas oder jemand heiíŸt bzw. genannt wird. Dadurch liegt auf der sprachlichen Dimension der Darstellung von vornherein ein (oft allerdings übersehener) Akzent, sei es, dass dieser eher kritisch ausfällt (indem sich das entsprechende alphabetische Kompendium der Wort- und Begriffskritik widmet), sei es auch, dass Wörter und sprachliche Wendungen als Gegenstand poetischer Erkundungen und Befragungen, womöglich sogar als Medien der Evokation aufgelistet und kommentiert werde. – Zwischen Sach- und Fachlexika und Wörterbüchern verläuft keine klare Grenze, weder sachlich noch begrifflich ; ein ‘Dictionnaire’ kann Sachinformationen bieten, ein Sachlexikon informiert vielfach auch über Terminologien, Ausdrucksweisen, Etymologien. Darum bietet die lexikographische Form nicht zuletzt Anlass zur Reflexion über Wörter, zur Suche nach und zur Erkundung von Ausdrucksweisen, zum Spiel mit Namen und Formulierungen – und zur Reflexion über Sprachliches, seinen Gebrauch, seine Wirkungen.
Am Leitfaden alphabetischer Worterklärungen lassen sich insbesondere Erfahrungen des Fremden und Befremdlichen thematisieren. Dies illustriert auf ludistische Weise ein Roman in Wörterbuchform : A Concise Chinese-English Dictionary for Lovers von Xiaolu Guo[11]. Die chinesische Ich-Erzählerin erzählt von einem längeren Aufenthalt in England, ihren Begegnungen mit der englischen Sprache und Kultur sowie über ihre Liebesbeziehung zu einem Engländer, die zuletzt scheitert. In den Mühen des Spracherwerbs spiegelt sich die Widerständigkeit der fremden Kultur. Die einzelnen Artikel des Lexikonromans sind jeweils Stichwörtern zugeordnet, und sie wirken wie Wörterbucheinträge : Kommentiert werden kulturspezifische Stichwörter und ihre Verwendungskontexte, wobei sie insbesondere Anlass zu Bemerkungen über sprachliche und kulturelle Unterschiede zwischen China und dem Westen geben. Dass die Ich-Erzählerin ihre Stichwörter nicht alphabetisch aufreiht, erscheint verständlich. Sie lernt die Wörter, an deren Leitfaden sie ihre Geschichte erzählt, ja nicht in alphabetischer Folge, sondern jeweils situationsabhängig – sie blättert in der Wörter-Welt Englands herum wie es für Wörterbuchbenutzer charakteristisch ist.
Die in Artikel gegliederte, partikularisierende Darstellungsform von Wörterbüchern kann auch dezidiert dazu eingesetzt werden, über eine zerbrechende Welt zu reflektieren – eine Welt, von der womöglich kaum mehr übrig ist als Wörter, die an sie erinnern. Dubravka UgreÅ¡ićs Buch My American Fictionary[12], ein zwar nicht alphabetisch aufgebauter, wohl aber in lemmatisierte Artikel strukturierter Wörterbuchtext, ist der Leitidee verpflichtet, angesichts einer der Zerstörung ausgelieferten kulturellen Welt komme Wörtern mehr denn je die Funktion von Schlüsselwörten zu – nicht zuletzt für die persönliche Erinnerung an Verlorenes und Flüchtiges, dabei Unvergessenes und Unverarbeitetes[13]. UgreÅ¡ić, die ihr Buch angeblich zunächst ‘dictionary’ statt ‘fictionary’ nennen wollte – der Titel ergab sich angeblich durch einen Tippfehler, erschien ihr dann aber gerade als besonders passend –, beobachtet, wie ihr Land von den Landkarten verschwindet und zu einem imaginären Konstrukt wird[14]. In Anspielung auf Alberto Manguels alphabetisches Dictionary of Imaginary Places[15] betont sie die Kompensationsfunktion von Wörterbüchern – die das letztendliche Vergessen aber nur aufhalten, nicht verhindern können.
Ein ganzes Land wurde zur enzyklopädischen Notiz und wie Atlantis in ein Wörterbuch der Imaginären Orte versetzt : Ein Dictionary of Imaginary Places… Jetzt denke ich, daíŸ das häufige Genre der Wörterbücher – das aus der Linguistik in die Belletristik übergesiedelt ist – in dieser postmodernen Zeit nicht nostalgischen Ursprungs ist, wie es auf den ersten Blick scheinen könnte. Die Anwendung dieses Genres ähnelt eher dem Bemühen von Alzheimer-Kranken, sich mit Hilfe von Zettelchen, Aufklebern, Notizen in der sie umgebenden Welt zu orientieren, bevor sie (oder die Welt ?) in völligem Vergessen versinken. Die diversen Wörterbücher sind in dieser postmodernen Zeit nur eine Vorahnung vom Chaos des Vergessens. (14 sq.)
2.3 Entsystematisierung, Dehierarchisierung
Die alphabetische Anordnung des Gesammelten und Aufgelisteten ist ein Modus der Strukturierung, mit dem bewusst auf die Suggestion einer sachlichen Systematik und Hierarchisierung verzichtet wird. Das Alphabet ist egalitär, ‘demokratisch’ : Es bringt Verschiedenartiges in eine Reihenfolge, die allein den Namen folgt ; eine Ordnung der Wörter tritt an die Stelle einer (suggerierten) konsekutiven und kausalen Ordnung der Dinge. Profitieren lässt sich zudem von den Be- und Verfremdungseffekten, die sich ergeben können, wenn sich dabei eigenartige Nachbarschaftsverhältnisse erheben. Für Michel Serres ist das alphabetische Lexikon – in pointierender Gegenüberstellung zum ‘Buch’, das von vorn nach hinten gelesen werden will und die Suggestion sachgegründeter Folgerichtigkeit der Darstellung erzeugt – die Konkretisierung eines anderen Denkens, einer anderen, de-zentrierten, auf Offenes gerichteten Vernunft, eines Denkens im Zeichen der ‘randonnée’[16]. Serres’ Argument zugunsten des alphabetischen Lexikons interpretiert dieses als Inbegriff postmoderner Wissenskultur : Postmodernes Wissen bewegt sich seinem eigenen Selbstverständnis nach über Oberflächen ; es dringt nicht in ‘Tiefen’. Es bewegt sich nicht zielgerichtet, sondern es streift umher. Das alphabetisch organisierte Lexikon ist ein ‘oberflächlicher’ Text, die alphabetische Ordnung ist eine ‘Oberflächen’-Ordnung. Sie hat nichts mit einer wie auch immer vorzustellenden Tiefe der Dinge zu tun. Wer ein alphabetisches Lexikon liest, navigiert zwischen ‘Inseln’, die keine festen Kontinente sind. Ein ‘typisch’ postmodernes Format ist das Lexikon, weil es zur randonée einlädt, dem Unerwarteten Vorschub leistet – und Vergnügen bereitet.
Da der methodische Aufbau der Bücher nach der Logik oder dem ‘logos’ ihres Inhalts sich von den mannigfaltigen Kreuzfahrten und Labyrinthen der Lexika unterscheidet, könnte man sagen, in den Büchern werde Wissen deklariert, während von den Lexika Erkenntnis ausgeht. Definieren wir Wissen als Haben, ebenso objektiv wie das Buch und seine Aussage, und Erkenntnis als Voranschreiten, subjektiv wie der Spaziergang desjenigen, der da voranschreitet, Im Lexikon bewegt sich der Leser frei, während er sich in den Büchern hinter einem Führer abmüht : Ein Lehrer lehrt ein Wissen, dessen Autorität ein Autor garantiert; ein Vorgänger übernimmt die Führung auf einer Reise ; der Erzähler, der das Ende der Geschichte bereits kennt, geleitet uns ins Abenteuer, während der Umherirrende allein mit der Erkenntnis zurechtkommen muss. Ein Vermittler übermittelt eine Botschaft, oder aber Sie lassen sich ganz auf eigene Gefahr auf eine Erfahrung ein. Dann winkt Ihnen ein Vergnügen, das nur die Abwesenheit des Pädagogen zu bieten vermag. (xviii)
2.4 Selbstdarstellung
Im Bereich des autobiographischen Schreibens ist die alphabetisch-lexikographische Form unter anderem deshalb von Interesse, weil sie ein Alternativmodell zur chronologischen Ordnung anbietet. Wenn Autoren über sich selbst am Leitfaden des Alphabets schreiben – wie etwa Carlos Fuentes[17]–, so verbindet sich damit bedingt durch die gewählte Form automatisch ein Moment der Zerlegung : der eigenen Anschauungen in Stichwörter, der eigenen Erfahrungen in Segmente, der eigenen Lebensgeschichte in Portionen. Es gibt keinen Zwang zur kohärenten Geschichte mehr, weil man an ‘ganze’ Geschichten nicht mehr glaubt, nicht an die Ganzheit der eigenen, nicht an die der anderen. Czeslaw MiÅ‚osz schreibt in MeinABC :
Während meiner Arbeit an meinem ‘ABC’ habe ich mir bisweilen gedacht, dass ich eigentlich Leben und Schicksal jeder der erwähnten Personen eingehender hätte untersuchen sollen, anstatt mich mit der Beschreibung von äuíŸeren Begebenheiten zu begnügen. Nur schlaglichtartig werden meine Helden beleuchtet, meist sogar ohne ein besonders bedeutungsvolles Ereignis. Doch damit müssen sie sich zufrieden geben – es ist allemal besser, als ganz in Vergessenheit zu versinken. So ist mein ‘ABC’ etwas wie ein Ersatz : anstelle eines Romans, anstelle eines Essays über das 20. Jahrhundert, anstelle eines Tagebuchs. Jede der erwähnten Personen versetzt einen Teil der Verknüpfungen im Netz der Bezüge und Wechselwirkungen der Daten meines Jahrhunderts in Schwingung. So bedaure ich es letzten Ende nicht, dass ich recht willkürlich Namen eingestreut und dabei wohl auch Banalitäten aufgewertet habe. (25)[18]
Pionier der literarischen Selbstdarstellung in alphabetisch-lexikographischer Form ist im 20. Jahrhundert Alberto Savinio[19]. Aber schon bei Jean Paul findet sich die Idee einer Autobiographie am Leitfaden des Alphabets zumindest formuliert[20]. Eine Sonderrolle in der Geschichte alphabetischen Schreibens über sich selbst spielt Roland Barthes, der verschiedene einschlägige Experimente unternommen hat[21]. Seine in alphabetischen Artikelfolgen dargebotenen Reflexionen zur eigenen Person und zur Literatur, zur Sprache der Liebe und zu anderen Diskursen sind autoreflexive Inszenierungen eines schreibenden Ichs, das sich in der Artikelstruktur seines Textes bespiegelt. Die Ambiguität der alphabetischen Sequenz, die einerseits rigide, anderseits offen für gestalterische Einfälle ist, kommt insbesondere darin zum Ausdruck, dass das Schriftsteller-Ich sie nicht immer streng beachtet.
Ein persönliches Lexikon, das neben einer Lebensgeschichte zugleich die Geschichte einer Kultur aus persönlicher Perspektive darstellt, bietet Juri Rytchëus Alphabet meines Lebens[22]. Die im Original (nicht in der íœbersetzung) alphabetisch gereihten Lemmata gelten zu weiten Teilen dem Volk der Tschuktschen, ihren Gebräuchen und Lebensformen. Ein Lexikon in Geschichtenform, setzt das Buch der verschwindenden Kultur und ihren wenigen Repräsentanten ein Denkmal.
3. Randgänge – oder : literarische Lexikographik als Schreiben an den Rändern des Wissens und seiner geläufigen Gegenstände
Als ‘ex-zentrisch’ charakterisiert Andreas Urs Sommer das « dictionnairistisch-enzyklopädische Bewusstsein » als solches[23]. Exzentrisch in spezifischem Sinn sind vor allem literarische Spielformen der Lexikographik : Das in ihnen reflektierte Wissen über ‘Kultur’, ‘Wissen’ und ‘Sprache’ wird vorzugsweise von Grenzen und Rändern her in den Blick genommen. Oft liegt der inhaltliche Akzent auf Peripherem, Abseitigem, Marginalem, auch auf Verdrängtem, Abqualifiziertem, Missachtetem – und zwar sowohl, was die jeweiligen (realen oder fiktionalen) Gegenstände lexikographischer Beschreibung angeht, als auch mit Bezug auf die Darstellungsform selbst. Man könnte lexikographisch-literarische Texte unter diesem Aspekt als Konkretisationen (Dokumentationen oder Entwürfe) eines ‘anderen Wissens’ betrachten – betreffe die Abweichung nun die Inhalt, die Form oder beides.
3.1 Randgänge : Die Ränder der Enzyklopädie
Den Rändern der Enzyklopädie gilt eine Kollektiv-Publikation desselben Titels von 2005[24]. Die Ränder der Enzyklopädie abzuschreiten, ist ein einerseits ex-zentrisches, andererseits aber eben darum das Zentrum beobachtendes Verhalten. Eine Serie mit alphabetisch geordneten Artikeln zu dezidiert unsystematischen (und in das alphabetische Wörterbuch der Ästhetischen Grundbegriffe nicht aufgenommenen) Gegenstände bzw. Themen spricht im Titeln von den ‘Rändern’ der Enzyklopädie – und beschreibt sich damit selbst[25]. Blättlers und Poraths « Auftakt » (7–9), ein selbstbezüglicher Artikel, der unter A (wie Auftakt) in die alphabetische Artikelsequenz integriert ist, steht unter einem Motto von Michel Serres aus seinem Buch Hermes V. Nord-West-Passagen (Berlin 1994, 81f.) :
Das Flüssige hat andere Ränder als die klar umrissenen, glatten des klassischen Systems. Sie fluktuieren mit der Zeit wie die Umrisse eines fliegenden Bienenschwarms oder generell einer groíŸen Population in der Geschichte bzw. ihrer eigenen Geschichte. (Serres, zit. nach Blättler/Porath, 7)
Die Ausführungen der Mini-Enzyklopädie ‘randständigen’ Wissens sind für die Auseinandersetzung gerade mit literarischer Lexikographik anschlussfähig. Im Zeichen der zitierten Bemerkung über die ‘Ränder’ des Wissens wirken etwa ‘lexikographische’ Zusammenstellungen von ‘Abfällen’, von ‘Ausgemustertem’, von ‘Unnützem’, ‘Abseitigem’, ‘Peripherem’ etc. wie meta-lexikalische, also selbstbezügliche Zusammenstellungen, welche ostentativ die Ränder des als wissenswürdig Betrachteten und Erfassten sichtbar machen bzw. zur Sprache bringen : Das, was auíŸerhalb der Systeme kodifizierter Wissensgegenstände liegt, dabei aber eben den Rand des akzeptierten enzyklopädischen Wissens ausmacht – ein Rand, der diesem Profil gibt. – Analoges gilt auch für ‘abseitige’ Begriffe, ‘Neben-Wissen’, ‘seltsame Ausdrücke’, ‘periphere Diskurse’ – also für die Ränder des Bereichs sprachlich-begrifflicher Repräsentationen von Wissen. Wissen konturiert sich in Relation zum (Noch-)Nicht-Gewussten ; Blättler und Porath sprechen « von jenem Unbekannten, dessen Existenz nicht einmal erahnt wird oder das noch im Wartestand der Zukunft verharrt ». Und sie betonen die ErschlieíŸungsleistung der Künste[26]; diese beobachten Prozesse der Konstitution, Ein- und Ausgrenzung von Wissen, verhalten sich zu diesen Prozessen – in den zitierten Bemerkungen liegt der Akzent auf den erkenntnisfördernden, horizonterweiterten Impulsen, die davon auf das Wissen ausgehen. Zumal in imaginären Enzyklopädien manifestiert sich die Beziehung der Kunst/der Künste zur Wissensgesellschaft – eine Beziehung, die als ‘Randgang’ zu charakterisieren wäre[27].
3.2 Randgänge : Lexikographik des Verschwindenden, der Abfälle, des Abseitigen
In alphabetisch-lexikographischer Form verfasst, enthält eine im Dezember 07/Januar 08 erschienene Ausgabe der Schweizer Zeitschrift « du » Artikel zu verschiedenen Dingen, Institutionen, Gebräuchen, Ideen und Abstrakta etc., die im Begriff sind, aus der Gegenwartskultur zu verschwinden[28]. Das bis dato bestehende Redaktionsteam verabschiedet mit dieser Nummer, da es im Begriff ist, durch ein anderes abgelöst zu werden, also selbst zu verschwinden. Die Bestandsaufnahme verschwindender Dinge würdigt aussterbende Tier- und Pflanzenarten ebenso wie kulturelle Praktiken und Gebräuche, Industrieprodukte, Modeartikel und Alltagsgegenstände. So wird – auf melancholisch-humoristische Weise – die Flüchtigkeit der historischen Lebenswelten sinnfällig gemacht, auch wenn es in manchen Fällen nicht gar so betrüblich erscheint, dass Dinge und Institutionen verschwunden sind[29].
Drastischere Bilder der Zeitlichkeit und Vergänglichkeit bietet ein anderes lexikographisches Projekt von 2004 – M. Vänçi Stirnemann/Fritz Franz Vogel: ¿flickgut! Panne, Blätz, Prothese. Kulturgeschichtliches zur Instandsetzung[30]. Unter dem Stichwort « Flickgut » werden alltagsweltliche Gegenstände, Räumlichkeiten und Praktiken verschiedener Art vorgestellt bzw. ins Gedächtnis gerufen, die mit dem Reparieren kaputter Dinge, der Ausbesserung schadhafter oder der Korrektur misslungener Objekte zu tun haben, mit dem Ausbessern von Defekten an toten und lebendigen Gegenständen, aber auch mit der Kaschierung von Brüchen, Schäden und Rissen. Vor dem Auge des Lesers und Betrachters – der Band ist opulent bebildert – ersteht eine Welt, an der die Zeit in vielfacher Hinsicht ihre Spuren hinterlassen hat und immer noch hinterlässt : beim Kaputtgehen und verrotten ebenso wie beim Geflicktwerden und der Schönheitsreparatur.
Nicht nur Dinge, Institutionen und Gebräuche verschwinden in einer schnelllebigen Welt immer rascher, sondern auch Wörter. Bodo Mrozek hat darum ein Lexikon der bedrohten Wörter zusammengestellt, dessen Titel eine Anspielung auf Listen bedrohter Tierarten darstellt[31]. Zum einen werden damit die Wörter in íœberspitzung der geläufigen Formel von der ‘lebendigen Sprache’ zoomorphisiert, zum anderen werden (leise ironisch) Wissensmuster und -inhalte der Biologie auf die Sprachwissenschaft als eine Kulturwissenschaft übertragen[32].
3.3 Randgänge : Lexikographik abseitigen Wissens
Zu den Abseitigkeiten, die zur lexikographischen Erfassung provozieren, gehören unter anderem auch Wissensdiskurse, die vom ‘offiziellen Wissen’ abweichen, veraltet, obsolet oder in anderer Hinsicht exzentrisch erscheinen[33]. Das lexikographische Kompendium Forse Queneau wirdmet sich dem abseitigen Wissen[34]. Es bildet das Kernstück einer Sequenz von drei Handbüchern, die eigenartigen und absonderlichen Gegenständen des Wissens gelten[35]. – Der Titel erinnert an den französischen Oulipisten Raymond Queneau, der ein Projekt zur panoramatischen Darstellung schrulliger Theorien entwickelt, aber weder zu Ende geführt noch publiziert hatte – eine Enciclopedia delle scienze inesatte[36]. Insgesamt bietet Albanis und della Bellas Enzyklopädie ein breites Panorama unorthodoxer (‘heterodoxer’ oder auch ‘heterokliter’) Theorien und Wissensdiskurse, die in Konflikt mit dem jeweils ‘offiziellen’ Wissen standen bzw. stehen : alternative und okkulte Lehren, als irrig und obsolet geltende Theorien, seltsame Hypothesen. Dabei werden im Lauf der Geschichte tatsächlich vertretene Ideen und Lehren unterscheidungslos neben solchen behandelt, die gleichsam nur in Anführungszeichen existieren (beispielsweise in literarischen Texten oder in Arrangements zu Täuschungszwecken)[37]. Der Effekt solcher Kombination der Lemmata lieíŸe sich in Erinnerung an Jorge Luis Borges als ‘borgesianisch’ charakterisieren. Gezielt und ostentativ verwischt werden die Grenzen zwischen in imaginären Welten vertretenen Lehren, etwa den Theorien exzentrischer literarischer Figuren, imaginären im Sinne von phantastischen, haltlos-spekulativen oder inhaltlich abseitigen Theorien in der realen Geschichte des menschlichen Wissens sowie Theorien über Gegenstände, die zeitweilig akzeptiert wurden, aber dazu tendieren, obsolet zu werden. Eine klare Differenzierung zwischen imaginären Gegenständen des Wissens auf der einen Seite, und eigenwillig interpretierten Gegenständen auf der anderen erscheint ebenso unmöglich wie die Benennung von Kriterien, die ‘akzeptables’ von ‘inakzeptablem’ Wissen scheiden.
Die Fülle des Heterodoxen innerhalb der Geschichte des Wissens spricht für sich. Auch und gerade neben Versuchen der Aufklärung und des Positivismus, zwischen gültigem und ungültigem wissenschaftlichen Wissen zu differenzieren, hat es sich erfolgreich behauptet. Ein eher längerer Artikel in Forse Queneau ist dem « Istituto di Anomalistica e delle Singolarita » gewidmet (217–220). Gegründet 1992 vom Ko-Auto Buonarroti, so erfährt man, widme sich dieses Institut fürs Anormale (Normwidrige) und Singuläre der Erforschung anormaler Begriffe, dem Wissen über Widersprüchliches und Irreguläres (den « scienze della contraddizione e dell’irregolarità »), den ungenauen (« inesatte »), auch ‘wandernd’ oder ‘beweglich’ (« peregrine ») genannten Wissenschaften – also solchen Wissensdiskursen, die sich auch dessen annehmen, was die offizielle Wissenschaft als der Beachtung nicht würdig betrachte. Zerstreuung, Auflösung, Deregulierung, Affinität zum Widersprüchlichen, Paradoxen und Offenheit für Unvorhersehbares : Mit diesen Stichworten wird das Operationsfeld jener anderen Wissensformationen umrissen, die im Institut fürs Anormale und Singuläre ihre Repräsentation finden ; vor allem die Tätigkeit des Instituts selbst ist durch sie charakterisiert (vgl. 217). – Im Zeichen des Interesses an Singularitäten ist die Erforschung des Anormalen und Irregulären dem Gedanken verpflichtet, ein jedes Objekt erfordere und verdiene seine eigene Spezialwissenschaft – eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Unwiederholbaren.
3.4 Randgänge : Lexikographik veralteten Wissens
Reflexionen über die Geschichtlichkeit des Wissens knüpfen sich insbesondere an lexikographische Mitteilungen, die veraltet wirken, aus älteren Lexika zitiert werden oder auf andere Weise die Suggestion des íœberholten, Abgelegten erzeugen. Von der angebrochenen Zeit für « ein Letztes Lexikon » sprechen die Herausgeber eines entsprechend betitelten Kompendiums in ihrem Vorwort über die (angeblich endende) « Epoche der Enzyklopädien » (20)[38]. Was hier genau genommen als anachronistisch reflektiert wird, sind Konversationslexikons im Stil des XIX. Jahrhunderts, Publikationen also, die eine íœbersicht über die Bestände menschlichen Wissens in kondensierter Form boten und dabei viererlei versprachen : « Aktualität, Objektivität, Selektivität und Präzision » (19). Das Letzte Lexikon ist weitgehend Derivat-Text, Montage, Paraphrase ; es basiert auf der Auswertung verschiedener älterer Konversationslexika, insbesondere einer ganzen Reihe von Brockhaus-Ausgaben, die auch ausdrücklich aufgelistet werden (1896–1808, 1812, 1819, 1827, 1833, 1837, 1843, 1851, 1864, 1875, 1882, 1882, 1892, 1928, 1952, 1967, 1996), diverser Auflagen von Meyer-Lexika (1839–155. 1872, 1902, 1908, 1936, 1971), sowie mehrere andere (älterer) Lexika, darunter Zedlers GroíŸes vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste (1732–1754).
Das ‘Letzte Lexikon’ […] ersetzt keinen einzigen Band eines ordentlichen Lexikons, flüstert aber allem Wissen und allen WiíŸbegierigen ein leises Memento mori ins geneigte Ohr. Wir gleiten über einen unermeíŸlich groíŸen Ozean gefrorenen enzyklopädischen Wissens, bohren, mit stets unzulänglichen Mitteln, hier und da neugierig ein paar Löcher, um Trouvaillen, versunkene Schätze, Strandgut und den Bodensatz der Geistesgeschichte ans Tageslicht zu fördern. Als Arrangeure und Collageure bedienten sich die Autoren dabei aller Mittel der Kritik, Ironie und Polemik, um eingefrorene Wissensbestände aufzutauen und für die Gegenwart flüssig zu machen. (Letztes Lexikon, 21)
Die Beschreibung des lexikographischen Unternehmens suggeriert bzw. bekräftigt mehrerlei : Das im Lexikon dargestellte Wissen wird als zitiertes bzw. kompiliertes Wissen von vornherein unter dem Aspekt seiner Geschichtlichkeit (und d.h. auch : seiner Veraltungsfähigkeit) wahrgenommen ; Wissen erscheint als etwas historisch und kulturell Relatives. Alles darstellbare Wissen wird zudem vor dem (zu denkenden) Hintergrund eines íœbermaíŸes an nicht-dargestelltem Wissen entfaltet ; anders gesagt : Alle Wissensdarstellung beruht auf Selektionen, ist Stückwerk, ist Segment aus einer unüberschaubaren ‘Enzyklopädie’ des Gesamtwissens. Die Darbietung von Wissensinhalten im Letzten Lexikon möchte – über Inhaltliches hinaus – besagte Geschichtlichkeit und Kontingenz von Wissenskompendien bewusst machen. Mit den kompilierten Informationen aus allerlei historischen Konversationslexika geht es um die Geschichtlichkeit des Wissens – und um dessen Beitrag zur Geschichte[39].
Die Lücken und Untiefen, Verstiegenheiten und Bocksprünge, Stilblüten und Stilbrüche älterer Lexika registrieren wir dabei mit Staunen und heiterer Gelassenheit, aber ohne Häme, Besserwisserei oder Triumphgeschrei- Das ‘Letzte Lexikon’ entdeckt in den Lücken und Leerstellen seiner Vorgänger weniger Mängel und Kalküle als Sedimente der Geschichte. Es reiht sich in die aufklärerischen Traditionen des Genres ein, glossiert und ironisiert aber auch die Widersprüche und Exzesse jenes Prozesses der Vermehrung und Verfeinerung des Wissens, die ohne Konzessionen an Markt und Macht nicht zu haben waren. (12–13)
Das Letzte Lexikon ist Metalexikon – und Antilexikon zugleich : Metalexikon, weil es durch seinen Gestus der Kompilation zur Reflexion über lexikographische Darstellungen auffordert, Anti-Lexikon, weil es im Gegensatz zu konventionellen Konversationslexika nicht darauf abzielt, aktuelles Wissen bzw. Wissen auf einem aktuellen Stand darzubieten und insofern ‘relevante’ Informationen zu bieten[40]. Im Mittelpunkt stehen Wissen über Verschwindendes und verschwindendes Wissen.
4. Ein kurzer Rückblick
Alphabetische Formen dienen vielfach dazu, das Abseitige und das Gewöhnliche, das Fremde und das Vertraute, das Anormale und das Normale zusammenzubringen oder die Differenz zwischen ihnen zu nivellieren. Gerade Abseitiges, Hybrides, Nicht-Klassifizierbares bildet eine Herausforderung, wenn es um die Suggestion eines íœbersichtswissens ‘von A bis Z’ geht. Vor allem aber abseitiges Wissen stimuliert literarische Lexikographen zu (letztlich autoreferenziellen, weil ihrerseits gewollt abseitigen) Würdigungen. So widmen sich lexikographische Projekte dem Pfeifen im Walde[41]– und andere berichten von einer mittlerweile aus den akademischen Lehrplänen verschwindenden « Hilfswissenschaft der Vogelkunde », 102 :
Eierkunde. Kein Wunder, daíŸ die Universitäten in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich an Attraktivität verloren haben, bieten sie doch so interessante Unterdisziplinen wie die Eierkunde nicht mehr an. (Letztes Lexikon, 101 sq.)
Literarisch-ästhetische ‘Lexika’ lenken – ob komisch-parodistisches Spiel oder ernsthafte ‘Bestandsaufnahme’ – mittels verschiedener Strategien den Blick auf Prozesse der Konstitution, Ausdifferenzierung und Konsolidierung von Kultur, auf kulturelle Institutionen und Praktiken, kulturspezifische Produkte und Formen des Umgangs mit diesen[42]. Archiviert und aufbereitet werden, eng verschränkt, Ding- und Wortwelten. Dominant ist vielfach der Aspekt ihrer Zeitlichkeit und Vergänglichkeit; das literarisch-künstlerische ‘Lexikon’ wird aus einer Perspektive des Rückblicks dann oft zum Archiv des Abgelegten, Verbrauchten, UnzeitgemäíŸen – oder zum Manifest einer (und sei es ironischen) Nostalgie. Wörterbücher und Lexika erweisen sich als wichtiges Format zur Darstellung von und Reflexion über die Zeitlichkeit kultureller Produkte, Praktiken und Formationen. Dies betrifft die Zeitlichkeit des jeweils als gültig erachteten Wissens ebenso wie die Zeitlichkeit der Gegenstände dieses Wissens. Es gibt weder ein zeit-loses Wissen noch zeitlose Darstellungsformen des Wissens.
Wissenskompendien, die sich ‘verlorenen’, ‘vergessenen’, ‘marginalisierten’› Gegenständen widmen, widersetzen sich einerseits der Zeit, machen andererseits aber auch auf den Zeitindex aller Wissensvermittlung aufmerksam. Insofern betreiben sie ein ironisch-selbstreferentielles Spiel im Spannungsfeld zwischen Flüchtigkeit und Fixierung. Das Format des Lexikons über Unnützes, vergessene und überflüssige Dinge, Institutionen und Wissensgebiete ist aktuell auffällig populär. Es entspricht offenbar einer zeitgenössischen Form der Auseinandersetzung mit Beständen kulturellen Wissens besonders gut. Das Lemma « storia » wird in « Forse Queneau » (Geschichte ; FQ 389) lakonisch unter Orientierung an R. Queneau (« Una storia modello », 1988) behandelt ; der Definition zufolge trägt diese Disziplin das Wissen über das Unglück der Menschen zusammen. Eine wirkliche Wissenschaft sei die Geschichte nicht, da sie keine Vorhersagen erlaube ; sie stehe insofern auf derselben Stufe wie Alchemie und Astrologie (FQ 389).
 

ISSN 1913-536X ÉPISTÉMOCRITIQUE (SubStance Inc.) VOL. XV

 
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[1] Th. Dorn/R. Wagner, Die deutsche Seele, München, Albrecht Knaus Verlag, 2011.
[2] Aus der Liste der Lemmata : « Abendbrot », « Abendstille », « Abgrund », « Arbeitswut », « Nauhaus », « Bergfilm », « Bierdurst», « Bruder Bam », « Buchdruck », « Dauerwelle », « Doktor Faust »…
[3] Querverweise zwischen den Einzelartikeln machen dazu Vorschläge, auch bei Dorn und Wagner.
[4] Vgl. dazu u.a. A. Kilcher, mathesis und poiesis. Die Enzyklopädik der Literatur 1600 bis 2000, München, Wilhelm Fink Verlag, 2003.
[5] « Wir machen uns keine Sorgen, dass Deutschland sich abschafft. Wir sehen nur, dass es […] [s]ein Gedächtnis verliert. » (Dorn/Wagner, 7) – « Was [ist] dieses Land […] jenseits der lexikalischen Auskunft, es sei ein föderalistischer, freiheitlich-demokratischer und sozialer Rechtsstaat in der Mitte Europas […]. » (Dorn/Wagner, 7 sq.)
[6] Vgl. stellvertretend nur die folgenden wenige Beispiele : J. Avignon, Welt und Wissen. Band 1, Berlin, Verbrecher Verlag, 2003. – P. Boman, Dictionnaire de la pluie, Paris, Editions du Seuil, 2007. – N. Edworthy/P. Cramsie, The Optimist’s Handbook. A Companion to Hope/The Pessimist’s Handbook. A Companion to Despair, London, Toronto, Sidney, Free Press, 2008. – U. Holbein, Narratorium. Abenteurer. Blödelbarden. Clowns. Diven. Einsiedler. Fischprediger. Gottessöhne. Huren. Ikonen. Joker. Kratzbürsten. Lustmolche. Menschenfischer. Nobody. Oberbonzen. Psychonauten. Querulanten. Rattenfänger. Scharlatane. Theosophinnen. Urmütter. Verlierer. Wortführer. Yogis. Zuchthäusler. 255 Lebensbilder, Zürich, Ammann Verlag, 2008. – G. Dischner, Wörterbuch des MüíŸiggängers, Bielefeld, Aisthesis, 2009. – L. Gustafsson/A. Blomquist, Alles, was man braucht. Ein Handbuch für das Leben, München, Hanser Verlag, 2010. – F. Hickmann/H. Wagenbreth/G. Barber (dir.): Taschen-Lexikon der Angst, Mainz, Verlag Hermann Schmidt, 2012.
[7] Kritisches Wörterbuch. Beiträge von Georges Bataille, Carl Einstein, Marcel Griaule, Michel Leiris u.a. Hg. u. übers. v. R. Kiesow/H. Schmidgen. Berlin, Merve Verlag, 2005. – Es gebe « antiakademische, revolutionäre, erfinderische, unbegreifliche und poetische Wörterbücher, die das Alphabet eines anderen Wissens buchstabieren » (120), so schreiben die Herausgeber Kiesow und Schmidgen. Genannt werden weitere « Antiwörterbücher », so das Abgekürzte Wörterbuch des Surrealismus von André Breton und Paul Eluard (erschienen 1938), ein rätselhaftes Enzyklopädieprojekt von Isabelle Waldberg, Robert Lebel und Marcel Duchamp (1947) sowie die Nuova Enciclopedia von Alberto Savinio.
[8] R. Kiesow, Das Alphabet des Rechts, Frankf./M., S. Fischer Verlag, 2004.
[9] A. Sommer, Die Kunst, selbst zu denken. Ein philosophischer Dictionnaire, Frankf./M., Eichborn, 2002.
[10] Vgl. auch « Dictionnaire, philosophischer. Ein Versuch, die Welt in Stichworte zu zerlegen. Typisch philosophisch, weil unnütz. Aber schon Mallarmé meint: ‘le monde est fait pour aboutir à un livre (faux).’ (→ Fiktion). Das dictionaristisch-enzyklopädische BewuíŸtsein ist ein sich zur Druckreife verzettelndes – ein ex-zentrisches. So gesehen ein sehr menschliches BewuíŸtsein. Ein philosophischer Dictionnaire ist gewissermaíŸen ein Gefechtsjournal. Ein Gefechtsjournal imaginärer Privatkriege gegen sich selbst. Aber vielleicht doch nicht nur gegen sich selbst. (→ Kompositionsprinzip.) » (Sommer, 56 sq.)
[11] X. Guo, A Concise Chinese-English Dictionary for Lovers, London, Chatto & Windus, 2007.
[12] D. Ugrešić, My American Fictionary, Frankf./M., edition suhrkamp, 1994. Orig.: Američki fikcionar, Zagreb 1993.
[13] Die Texte – in denen sich das Bewusstsein davon ausdrückt, dass der Balkankrieg die heimatliche Welt irreversibel zerbrechen lässt, waren zunächst Beiträge zu einer Kolumne für eine niederländische Zeitschrift, verfasst anlässlich eines USA-Aufenthalts. Reste und Reminiszenzen eines zum Untergang verurteilen kulturellen Wissens finden sich gesammelt – und mit Beobachtungen aus den USA konfrontiert. Auf die Einleitung, « FICTIONARY » folgen die Einträge « REFUGEE », « ID », « ORGANIZER », « MISSING », « MANUAL », « SHRINK », « JOGGING », « HOMELAND », « ADDICT », « INDIANS », « MAILBOX », « COUCH-POTATO », « YUGO-AMERICANA », « SUSPECT », « BODY », « HARASSMENT », « EEW », « PERSONALITY », « CONTACT », « COMFORTER », « TRASH », « REPORT », « COCA-COLA », « CAPUCCINO », « BAGEL », « DREAMERS », « AMNESIA », « LIFE VEST » sowie ein « APPENDIX : LETTER ».
[14] « […] Ende Juni 1992, nach Zagreb zurückgekehrt, hatte ich das Gefühl, daíŸ es keine Wirklichkeit mehr gibt. Die Realität in meinem zerfallenden und verschwindenden Land übertraf die schlimmsten Erwartungen, verwischte die Grenzen zwischen existierenden und nicht existierenden Welten […]. Beim Abtippen der Texte meines amerikanischen Wörterbuchs schrieb ich versehentlich f anstelle von d, aus dictionary wurde fictionary. Der Flüchtigkeitsfehler bestätigte nur meinen inneren Alptraum. Denn wenn es die Wirklichkeit nicht mehr gibt, dann verlieren auch ‘Fiktion’ und ‘Faktion’ ihre ursprüngliche Bedeutung. » (UgreÅ¡ić, 15)
[15] A. Manguel/G. Guadalupi, The Dictionary of Imaginary Places. Toronto, Lester & Orpen Dennys, 1980. Dt.: Von Atlantis bis Utopia, München, 1981.
[16] M. Serres/N. Farouki (dir.), Thesaurus der exakten Wissenschaften, Frankf./M., Zweitausendeins, 2001. Serres : Vorwort, ix–xxxix.
[17] C. Fuentes, En esto creo, Barcelona, Seix Barral, 2001. Dt. : Alphabet meines Lebens, Frankf./M., S. Fischer Verlag, 2006. In Form einzelner essayistischer Artikel, die Personen, Abstrakta und allgemeinen Themen gewidmet sind, reflektiert Fuentes über Dinge, die ihn angehen, teilt seine persönlichen Erfahrungen und Meinungen mit, bezieht Stellung. Eine kohärente Lebensgeschichte erzählt er gerade nicht, aber das ‘ABC’ ist ein Selbstporträt in Artikelform, in das immer wieder auch Lebenserinnerungen einflieíŸen. Fuentes’ Buch (dessen Titel in der deutschen íœbersetzung, nicht aber im Original, das ‘Alphabet’ nennt, das aber im Original alphabetisch aufgebaut ist) verbindet persönliche Erfahrungen mit allgemeinen Bemerkungen über künstlerische, soziale, kulturelle und politische Themen.
[18] C. MiÅ‚osz, « Mein ABC. Auszug der Buchpublikation », Sinn und Form, Berlin, 54. Jg. 2002, H. 1, 5-25, hier : 25. = Auswahl aus : C. MiÅ‚osz, Abecadlo Milosza, Krakau, Wydawnictwo,1997. Und : Inne Abecadlo, Krakau, Wydawnictwo, 1998. – Vgl. auch eine weitere Auswahlausgabe : C. MiÅ‚osz, Mein ABC. Von Adam und Eva bis Zentrum und Peripherie, München, Hanser Verlag, 2002.
[19] A. Savinio, Nuova Enciclopedia, Mailand, Adelphi, 1977. Deutsche Ausgaben : (a) Neue Enzyklopädie, Frankf./M., Insel, 1983. (b) Mein privates Lexikon. Zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter. Frankf./M., Die andere Bibliothek, 2005.
[20] Vgl. Jean Paul, Lebenserschreibung. Veröffentlichte und nachgelassene autobiographische Schriften. Hg. v. Helmut Pfotenhauer unter Mitarbeit v. Thomas MeiíŸner. München, Hanser Verlag, 2004, 145 : aus den Vorarbeiten zur Selberlebensbeschreibung, Nr. 25 : « ‘Meine Geschichte alphabetisch in Form eines Conversazionslexikon[s]’ ».
[21] Roland Barthes hat in den 1970er Jahren mehrere Texte verfasst, die sich – wenngleich teilweise verdeckt – an der Form eines alphabetischen Lexikons (oder ‘Wörterbuchs’/ ‘Dictionnaire’) orientieren; vgl. Le plaisir du texte, Paris, Editions du Seuil, 1973. Dt.: R. Barthes, Die Lust am Text, Frankf./M., editions suhrkamp, 2010. – ROLAND BARTHES par roland barthes, Paris, Editions du Seuil, 1975. Dt.: íœber mich selbst, München, Matthes & Seitz, 1978. – Fragments d’un discours amoureux, Paris, Editions du Seuil, 1977. Dt. : Fragmente einer Sprache der Liebe, Frankf./M. editions suhrkamp, 1984.
[22] J. Rytchëus, Alphabet meines Lebens, Zürich, Unionsverlag, 2010.
[23] « Das dictionaristisch-enzyklopädische BewuíŸtsein ist ein sich zur Druckreife verzettelndes – ein ex-zentrisches. » (Sommer, 56 sq.)
[24] Ch. Blättler/E. Porath (dir.), Ränder der Enzyklopädie, Berlin, Merve Verlag, 2012.
[25] Die beiden Verfasser des « Auftakts » rücken anlässlich des Zitats die Wissenskultur von den Rändern her in den Blick. « Das in einer Enzyklopädie eingefangene Wissen weist immer Ränder auf, an denen sich dasjenige bemerkbar macht, was nicht erfasst, aufgenommen und eingegliedert wurde – ganz zu schweigen von jenem Unbekannten, dessen Existenz nicht einmal erahnt wird oder das noch im Wartestand der Zukunft verharrt. Die groíŸen Entwürfe zu einem umfassenden System des Wissbaren scheinen der Vergangenheit anzugehören, doch auch dynamische Modelle wie Netzwerke, die Wissen produzieren und verteilen, ziehen Grenzen, überschreiten und transformieren sie, sortieren und sondern aus. Einen feinen Sinn für diese Operationen zeigen seit jeher die Künste. Ihre poietische Ordnung vermag nicht nur Neues zu erschlieíŸen, sondern immer wieder den Traum vom Wissen voranzutreiben und auszugestalten. So können sie imaginäre Enzyklopädien schaffen, welche die gewohnten Grenzen in Frage stellen, indem sie gerade auch Randzonen ästhetisch gestalten, offen halten, ober auch problematisieren. » (Blättler/Porath, 7) Der Band enthält nach dem « Auftakt » ferner Artikel verschiedener Verfasser zu den Lemmata « Buchstäblichkeit », « Compassio », « Et – Et », « Grammatik », « Jazz », « Lecture », « Liebe », « Neverland », « Patenschaft », « Phantasmagorie », « Sirene », « Vogel », « Zufall » – sowie abschlieíŸend einen Artikel « Imaginäre Enzyklopädien. Beobachtungen am Rande » von Karlheinz (Carlo) Barck (185–222).
[26] « Einen feinen Sinn für diese Operationen zeigen seit jeder die Künste. Ihre poietische Ordnung vermag nicht nur Neues zu erschlieíŸen, sondern immer wieder den Traum vom Wissen voranzutreiben und auszugestalten. » (Blättler/Porath, 7)
[27] « imaginäre Enzyklopädien […] [stellen] die gewohnten Grenzen in Frage […], indem sie gerade auch Randzonen ästhetisch gestalten, offen halten, ober auch problematisieren » (Blättler/Porath, 7).
[28] « Liftboy, der. Ein Alphabet des Verschwindens » = Ausgabe von « du ». Zeitschrift für Kultur 782, Dez. 07/Jan. 08.
[29] Die deutschweizerische Herkunft des Heftes macht sich auch bei der Auswahl der ”¹ verschwindenden › Dinge geltend ; allerdings sind auch typische DDR-Dinge so wie regional eher unspezifische Dinge auf der Liste. Viele der gelisteten Artikel sind typische Produkte der 1960er und 70er Jahre. (Aus der Liste der Lemmata: « der Alpenbock », « der Blick auf die Armbanduhr », « das Attachéköfferchen », « die Aussentoilette », « der Bäcker », « der Baiji », « das Bakelit », « der Ballermann 6 », « der Bilderrahmen », « der Blocher », « die Blumenwiese », « die Botanisiertrommel », « der Brief », « der Brustbeutel », « der Bumperfatscha », « das Butterfass », « die Buttons »…)
[30] M. Vänçi Stirnemann/F. F. Vogel: ¿flickgut! Panne, Blätz, Prothese. Kulturgeschichtliches zur Instandsetzung, Marburg, Jonas Verlag, 2004.
[31] B. Mrozek, Lexikon der bedrohten Wörter, Reinbek, rororo, 2005.
[32] Der Klappentext verdeutlicht bezogen auf die Wandelbarkeit gesprochener Sprachen, was dem Naturkundler bezogen auf Individuen und Arten auf analoge Weise geläufig ist : Die sogenannte ”¹ Lebendigkeit › der Individuen und Arten ist nur die Kehrseite ihrer Vergänglichkeit, ihrer Disposition (aus) zu sterben und anderen Platz zu machen; der Diskurs über lebendigen Wandel ist das euphemistische Pendant von Verfallsdiskursen.
[33] Vgl. z.B. Dr. Jeff Vandermeer/Dr. Mark Roberts (dir.), The Thackeray T. Lambshead Pocket Guide to Eccentric & Discredited Diseases. 83rd Edition. Edited by Dr. Jeff Vandermeer & Dr. Mark Roberts. San Francisco, Portland, Night Shade Books, 2003.
[34] P. Albani/P. della Bella, Forse Queneau: Enciclopedia delle scienze anomale. Bologna, Zanichelli, 1999. = FQ.
[35] Neben Forse Queneau sind dies: P. Albani/B. Buonarroti, Aga magéra difúra. Dizionario delle lingue immaginarie, Bologna, Zanichelli, 1994; P. Albani/P. della Bella, Mirabiblia. Catalogo ragionato di libri introvabili, Bologna, Zanichelli, 2003.
[36] Vgl. R. Queneau, Segni, cifre e lettere e altri saggi, Turin, Einaudi, 1981. Der Titel des Kompendiums heterodoxen Wissens ist ein Wortspiel, das sich aus der italienischen Lesart des Namens ”¹Queneau› (che no) ergibt; die Frage nach dem Gelingen des eigenen Unternehmens beantworten die Autoren mit einem Zitat von Giulia Niccolai (forse che si, forse Queneau).
[37] Zur ersten Gruppe gehören etwa die Gegenstände der Artikel « astrobiologia » (Astrobiologie, FQ 50f.) und « astrologia » (Astrologie; FQ 51f.); in die zweite Gruppe die von Tommaso Landolfi in einer Erzählung von 1939 umrisssene « astronomia sideronebulare » (Sternennebel-Astronomie, FQ 55f.). Wozu man die « atlantidologia » (Wissenschaft von Atlantis, FQ 56) rechnen möchte, hängt davon ab, ob man Atlantis für einen realen oder imaginären Wissensgegenstand hält.
[38] W. Bartens/M. Halter/R. Walther (dir.), Letztes Lexikon. Mit einem Essay zur Epoche der Enzyklopädien, Frankf./M., Eichborn, 2002.
[39] « Die Lexika sind, im Guten wie im Bösen, Teil der deutschen Geschichte, sie machten sich immer wieder zu Verstärkern und Lautsprechern des Zeitgeistes und riskierten nicht allzu oft – am ehesten noch im Vormärz – oppositionelle Töne. Das ”¹ Letzte Lexikon › verfolgt beide Spuren. » (Letztes Lexikon, 12)
[40] Der überwiegende Teil der Artikel nennt seine lexikographischen Quellen explizit, indem er deren Angaben mit eigenen Worten, aber unter Verwendung prägnanter Zitate zusammenfasst bzw. paraphrasiert. Manche Artikel bestehen auch nur aus Zitaten, die älteren Lexikonartikeln entnommen sind. Dort, wo zu erwarten ist, dass der Leser mit den Lemmata selbst schon eigenes Wissen verbindet, überraschen die Artikel oft durch skurrile Informationen.
[41] V. Straebel/M. Osterwold in Verbindung mit N. Collins, V. Maly, E. Moltrecht (dir.), Pfeifen im Walde. Ein unvollständiges Handbuch zur Phänomenologie des Pfeifens, Berlin, Podewil, 1994.
[42] Vgl. auch die folgenden wissens(diskurs)geschichtlichen Publikationen: B. Bühler/S. Rieger, Vom íœbertier: Ein Bestiarium des Wissens, Frankf./M., Suhrkamp, 2006. – B. Bühler/S. Rieger, Das Wuchern der Pflanzen: Ein Florilegium des Wissens, Frankf./M., Surhkamp, 2009.